Erschienen in: P&A Oktober 2011, S. 17
Pro & Contra  |  

Waschen oder wegwerfen?

Einwegprodukte können Prozesse vereinfachen, Investitionskosten verringern – müssen sie aber nicht

Wer bei der Herstellung von Biopharmazeutika Einwegprodukte einsetzt, spart damit vor allem Zeit. Aber auch Geld? Damit sichergestellt ist, dass der Einsatz effizient ist, muss eine genaue Kosten-Nutzen-Analyse vorausgehen. * Text: Dr. Wolfgang Minas, Aymen El-Ghezal, Chemgineering   Bilder: George Mdivanian, Hiro-PM; Universität Freiburg (CH)   www.PuA24.net/PDF/PA811904

Trotz der kosten- und zeitintensiven Produktentwicklung verzeichnet der Markt für Biopharmazeutika ein starkes Wachstum. Um Engpässe bei der Bereitstellung von Material für die klinischen Prüfungen oder eine kleinere Launchproduktion zu umgehen, wird nach flexiblen und Investkosten-günstigen Produktionsszenarien gesucht. Daher setzen vor allem Auftragshersteller für die Pharmaindustrie verstärkt auf Einweganlagen aus Kunststoff. Die Filtration oder Aufkonzentration von Flüssigkeiten ist ohne Einwegfilter und Filterkassetten nicht mehr vorstellbar. Auch Kulturgefäße für die Zellbiologie, T-Flasks und Roller Bottles sind seit Jahrzehnten aus Kunststoffen mit modifizierten Oberflächen.

In den letzten Jahren kamen Lager- und Transportsysteme mit und ohne Mischfunktionen auf den Markt. Den Einzug in die Fermentationstechnik bereiteten die Wave-Kultivationssysteme, die heute durch eine Palette von Einweg-Bioreaktoren für die Zellkultur ergänzt werden. Eine recht neue Technologie stellen (Ultrafiltrations-)Systeme dar, bei denen produktberührte Teile inklusive der Sensoren auf Einwegverwendung ausgelegt sind. Damit einher geht die Entwicklung für kostengünstige Sensoren für Sauerstoff, pH-Wert und Druck. Neben Einzelkomponenten bieten Hersteller, insbesondere von Lager- und Transportsystemen, zudem Lösungen für aseptische Verbindungen an, welche gesteckt oder geschweißt sein können. Im Prozess-Chromatographie-Sektor ist die Situation momentan noch überschaubar: Ein Anbieter stellt derzeit gepackte Einweg-Chromatographiesäulen inklusive einer adaptierten Kontroll-einheit her. Einige Weitere offerieren membranbasierte Trennverfahren mit Einweg-Membrankartuschen.

Vielfach sind Einweglösungen die Technik der Wahl für kleinvolumige Produkte und Situationen, in denen verschiedene Produkte in relativ kurzer Zeit verarbeitet werden müssen (beispielsweise bei der Lohnherstellung oder der Herstellung klinischer Prüfmuster). Die stets ins Feld geführten unbestrittenen Vorteile werden mit einigen Nachteilen erkauft (siehe Tabelle). Hinzu kommen regulatorische Vorgaben. Insbesondere Studien zu „Leachables and Extractables" (extrahierbare Substanzen) sind unverzichtbar und aufwendig. Ein Ausschluss-kriterium wäre die Adhäsion vom Produkt an den Kunststoff-oberflächen, was die Ausbeute negativ beeinflussen würde. In den meisten Produktionen kommen daher Hybridsysteme zum Einsatz, weil entweder der Produktionsmaßstab oder aber das Produkt dies erfordern. Ein Planer betrachtet die Vor- und Nachteile der Einwegsysteme kundenspezifisch, um teueren Fehlentscheidungen vorzubeugen.

Am Beispiel eines Rührfermenters zeigen sich die Unterschiede zwischen dem klassischen Bioreaktor aus Edelstahl und einem kompletten Einwegsystem – dem Einwegfermenter. Dieser enthält einen vorsterilisierten Kunststoffbeutel, in dem Zellen kultiviert werden, eine Rührwelle, die über Magnet-Motor angetrieben wird, und Anschlüsse, an die Sensoren gekoppelt werden können. Alternativ zum Magnetrühren werden Zellkulturen in Bags unter Wellenbewegungen gerührt. Die Medienvorlagebehälter sind ebenfalls Einwegbeutel.

Während der klassische Bioreaktor nach Kultivierungsende mit Chemikalien und hochreinem Wasser gereinigt und mit Dampf sterilisiert werden muss, wird der Einwegfermenter als Ganzes entsorgt. Somit kann das Risiko der Kreuzkontamination verringert werden. Es entfällt hiermit auch eine Reihe von aufwendigen Dokumentationen (Reinigungsvalidierungen), die für eine GMP-konforme Produktion gefordert sind. Die Investitionskosten sinken erheblich, da CIP-Anlagen entfallen. Die Liefer- und Installationszeiten verringern sich um mehrere Monate, da keine Rohrleitungen verlegt werden müssen.

Einwegmaterialien sind nicht billig – weder in der Beschaffung, noch in der Entsorgung. Zwar ist die Investitionssumme geringer, die operativen Kosten können jedoch deutlich höher ausfallen. Da eine durchgehende Automatisierung kaum möglich ist, können auch die Personalkosten in Prozess und Lieferkette steigen. Daher sind unbedingt die Kosten sauber zu betrachten. Da sich einzelne Prozessschritte nicht eins zu eins von Stahl auf Plastik übertragen lassen, fallen im günstigsten Fall nur Schulungskosten an: So ist etwa der Transfer der Zellkulturbrühe von einem Seedfermenter zu dem Produktionsfermenter in Einwegsystemen erschwert. Bei Edelstahlanlagen kann der Transfer auf Druckluftüberlagerung beruhen, wovon bei Verwendung von Bags abzuraten ist, da diese nicht druckfest sind. Das Handling der Kultivierungsbeutel, die anfälliger für Leckagen sind als Edelstahlbehälter, ist schwierig und benötigt speziell geschultes Personal.

Des Weiteren ist eine Maßstabvergrößerung verschiedener Bioprozesse begrenzt. Die für die klassischen Bioreaktoren über die letzten Jahrzehnte erarbeiteten komplexen Formeln erleichtern jedes Upscaling vom Labor bis zum industriellen Maßstab, während Kultivierung in Einwegfermentern über 2000 Liter kaum vorstellbar ist. Auch lassen sich die aus Einwegsystemen gewonnen Daten nicht für ein Scale-up in Stahl verwenden, da die Systeme für verschiedene Massen- und Energietransferraten ausgelegt sind.

Der Einsatz von Einweganlagen bedeutet für Betreiber eine starke Bindung an einen Lieferanten, da die Formate der Beutel lieferantenspezifisch ausgelegt sind. Auch sind die Kosten für die regelmäßige Ver- und Entsorgung der Beutel sowie die GMP-gerechte Lagerverwaltung nicht zu unterschätzen.

Planung stellt die Weichen

Jedes Einwegprojekt verlangt eine detaillierte Abklärung der Anforderungen für eine optimierte Lösung. Speziell bei Umbauten bestehender Anlagen ist sicherzustellen, dass genügend Lager- und Verkehrsflächen vorhanden sind und die Lieferkette der Umstellung auf Einwegtechnologie gewachsen ist. Soll im Rahmen einer Prozessoptimierung Einwegausrüstung bei einem bestehenden Prozess zum Einsatz kommen, so ist eine intensive Schulung ratsam. Zudem sind Testläufe erforderlich, um den erfolgreichen Einsatz aus operativer Sicht sicherzustellen. Für den Transport bzw. die Lagerung in Einweg-Containern und -Bags ist das Risiko von Produktverlust durch Leckagen und möglicherweise veränderte Haltbarkeiten zu betrachten. Auch muss berücksichtigt werden, ob die Abmessungen mit denen der im Betrieb eingesetzten Systeme kompatibel sind (Europalettenmaße). Werden Reinraumzonen überschritten, ist eine gute Reinigbarkeit der Systems zwingend. Auch die Erfordernisse für eine Dekontamination sind nicht zu unterschätzen: Diese bedingen oftmals einen größeren Autoklaven und resultieren in einem erhöhten Aufkommen an zu entsorgendem festem Abfall.

Einweganlagen lassen sich schneller errichten, erhöhen aber den Aufwand in der Logistik und der Produktion. Ihr Einsatz kann jedoch den Produktionsprozess vereinfachen und Investitionskosten erheblich verringern. Betreibern bietet sich an, die Anschaffung von Einwegproduktionssystemen anstelle klassischer Edelstahlanlagen gemeinsam mit einem erfahrenen Planungsteam zu prüfen.

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