Erschienen in: P&A-Kompendium 2008/2009, S. 22
Anlagenbau & Modernisierung  |  

Energie als Herausforderung

Aktuell vergeht kaum ein Tag, an dem nicht der Klimaschutz oder die Energiepolitik in der Tagespresse auftaucht. Dabei handelt es sich keineswegs um ein auf Deutschland begrenztes Thema, sondern es spielt auch auf der weltpolitischen Bühne eine herausragende Rolle, wie der G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 sowie die Weltklimakonferenz in Bali zeigten.

Mit den Ergebnissen von Bali zeichnet sich ab, dass das Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft, fortgeschrieben wird und zukünftig in allen wichtigen Industrieländern also auch in den USA, Japan und Russland sowie in den stark wachsenden Volkswirtschaften insbesondere China und Indien Beachtung finden wird. Auch wenn konkrete Ergebnisse und Ziele erst im Dezember 2009 veröffentlicht werden, hat die EU für Europa die Ziele bis 2020 schon vorgezeichnet: 20 Prozent Verminderung des CO 2 -Ausstoßes, Steigerung des Anteils regenerativer Energien auf 20 Prozent und 20 Prozent Steigerung der Energieeffizienz. Im Europäischen Strategieplan für Energietechnologie (SET-Plan) ist darüber hinaus als Ziel für 2050 die kohlenstoffneutrale Wirtschaft festgelegt. Außerdem enthält der SET-Plan zahlreiche Ansätze, mit denen die mittel- und langfristigen Ziele auch erreichbar erscheinen, wenn sie entsprechend umgesetzt werden. Auch wenn der Klimawandel als Hauptgrund für die energiepolitischen Veränderungen angeführt wird, darf man nicht vergessen, dass auch die rückläufigen Reserven fossiler Rohstoffe und ihre geografische Verteilung für eine Anpassung der Energietechnik sprechen. Insbesondere die Erdölreserven dürften in 30 bis 60 Jahren weitgehend erschöpft und schon vorher nur zu stark erhöhten Förderungskosten verfügbar sein. Die Erdgasreserven reichen zwar wesentlich weiter, liegen aber ähnlich wie das Erdöl zu einem erheblichen Teil in politisch wenig verlässlichen Regionen. George W. Bush hat vor allem damit seinen energiepolitischen Schwenk zur Unterstützung von Bio-Kraftstoffen im Februar 2006 begründet. Insofern ist nicht auszuschließen, dass der vermeintliche Klimawandel zumindest von einigen Politikern als Vorwand genutzt wird, eine früher oder später notwendige energiepolitischer Neuausrichtung zu begründen. In Deutschland erfolgt diese Neuausrichtung durch die Umsetzung des Integrierten Klima- und Energieprogramms (IKEP) der Bundesregierung, dessen erster Teil im Dezember 2007 beschlossen wurde. Weitere Beschlüsse sind im Laufe des Jahres 2008 geplant. Diese wirken sich auf Hersteller sowie Betreiber von prozesstechnischen Anlagen und Komponenten in vielfältiger Weise aus. Neben zahlreichen rechtlichen Regelungen, beispielsweise zu Bauvorschriften oder zur Förderung regenerativer Energien, die alle Unternehmen und auch private Konsumenten in gleicher Weise betreffen und sich zum Beispiel in steigenden Energiekosten auswirken werden, stehen für die Anbieter prozesstechnischer Komponenten und Anlagen zwei Aspekte im Vordergrund: die Steigerung der Energieeffizienz und die zunehmende Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Prozesstechnische Anlagen und Prozesse sind oft sehr energieintensiv, vor allem weil die Prozesse zumeist bei hohen Temperaturen ablaufen. In Zeiten niedriger Energiekosten stand die Nutzung Ressourcen schonender Technik nicht im Vordergrund. Aber nicht nur steigende Energiekosten werden dazu beitragen, dass die Anwender die verbesserte Energienutzung vorantreiben werden. Die Bundesregierung plant die verpflichtende Einführung von Energie-Management-Systemen in Unternehmen – voraussichtlich auf Grundlage der prEN 16001, die auf Initiative der EU-Kommission derzeit erarbeitet wird. Über weitere rechtliche Änderungen wird der Bau von Wärmedistributionssystemen vereinfacht. Die geplante Ausweitung des CO 2 -Zertifikatehandels wird ebenfalls dazu beitragen, dass die Anlagenbetreiber verstärkt auf Energieeffizienz achten werden. Hinzukommt, dass die Konsumenten verstärkt auf die CO 2 - und damit Energieeffizienz der von ihnen konsumierten Produkte achten werden: Es gibt bereits erste entsprechende Zertifikate, zum Beispiel für „Solarbier“. Auch Marktuntersuchungen deuten darauf hin, dass die Verbraucher bereit sind, für entsprechende Produkte Preisaufschläge zu akzeptieren. Die ersten Konsumgüterhersteller haben darauf schon reagiert und bieten entsprechende Produkte an, wie zum Beispiel Waschmittel, die bei 20°C die gleiche Waschkraft haben wie andere bei 30°C. Die Energieeinsparpotenziale im industriellen Bereich erscheinen erheblich – für einzelne Branchen wird vermutet, dass sie bei über 50 Prozent des Energieverbrauchs liegen. Das EU-Ziel der Steigerung der Energieeffizienz von 20 Prozent mutet vor diesem Hintergrund vor allem durch den zeitlichen Aspekt – Erreichung bis 2020 – ambitioniert an. Für die Hersteller von prozesstechnischen Komponenten und Anlagen folgen daraus steigende Anforderungen an die Energieeffizienz ihrer Anlagen. Diese wird zukünftig von den Kunden nicht nur aus Kostengründen noch kritischer als bisher hinterfragt werden. Für Unternehmen, die sich auf diese Situation rechtzeitig einstellen, ergeben sich entsprechend neue Marktpotenziale. Hier geht es nicht nur um Neuanlagen, sondern auch um die Modernisierung und energetische Optimierung bestehender Anlagen. Wie in anderen Bereichen ist es zumindest denkbar, die energetische Optimierung zu einer eigenständigen Dienstleistung zu entwickeln, die den Anlagenbetreibern hilft, die rechtlichen Vorgaben zu erfüllen und gleichzeitig Absatzpotenziale für die eigenen Produkte zu erschließen. In vielen Bereichen amortisieren sich Investitionen zur energetischen Optimierung oft schon in wenigen Jahren. Neben der Energieeffizienz gewinnen nachwachsende Rohstoffe als Ersatz für fossile Roh- und Brennstoffe zunehmend an Bedeutung. Die Anbieter von verfahrenstechnischen Maschinen und Apparaten sowie der Anlagenbau haben schon in den letzten Jahren vom Aufbau von Biodiesel- und Bioethanolproduktionskapazitäten profitiert. Trotz der Neuordnung der politischen Rahmenbedingungen, ist zu erwarten, dass sich der Markt weiterhin global gut entwickeln wird. Insbesondere gilt dies für Biokraftstoffe der zweiten Generation, für die die Prozesse derzeit entwickelt und – zum Teil mithilfe der Anlagenbauer – zur Marktreife gebracht werden. Der Vorteil der Biokraftstoffe der zweiten Generation ist, dass für ihre Herstellung anstelle von Erntefrüchten Pflanzenreste, Holz und Abfälle benötigt werden. Nachwachsende Rohstoffe kommen auch als Rohstoffersatz für viele petrochemische Prozesse in Frage. Zurückgehende Ölreserven und steigende Preise werden diese Verfahren zunehmend interessanter machen und neue Absatzmöglichkeiten eröffnen. Dies ist schon heute für einige Unternehmen ein interessanter Absatzbereich, der allerdings den ökologischen Aspekten und der CO₂-Einsparung noch keine Rechnung trägt: Insbesondere in Chinas Kohleförderregionen werden derzeit Kapazitäten zur Kohlevergasung aufgebaut. Das dabei entstehende Synthesegas kann zu fast allen petrochemischen Produkten (einschließlich Kraftstoffen) weiterverarbeitet werden. Der Ersatz der Kohle durch nachwachsende Rohstoffe erfordert verhältnismäßig geringe technische Anpassungen. Die Anbieter von verfahrenstechnischen Maschinen, Apparaten und Anlagen stehen mit der aktuellen Energie-, Umwelt- und Klimapolitik in den nächsten Jahren vor großen Herausforderungen. Andererseits eröffnen sich dadurch neue Marktpotenziale, die die deutschen Anbieter zu ihrem und zum Vorteil der Umwelt nutzen werden.

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