Erschienen in: P&A November 2007, S. 22
Titelreportage  |   Turck

Von Sorgfalt und Soft Skills

Als Feldspezialist für Prozessindustrie und Nahrungsmittelverpackung baut Turck auf Zuverlässigkeit und Diagnosefähigkeit

Kaum ein Bauteil für die Prozessautomatisierung kommt heute noch auf den Markt, bevor es nicht fürs Asset-Management ertüchtigt wurde. Doch so elegant AM-Funktionen auch wirken, an erster Stelle stehen einwandfreie Gerätefunktionalität und korrekte Projektierung. Turck-Produkte erfüllen die Hardfacts: etwa die allseitige galvanische Trennung bei Geräten für Prozessanlagen oder die Beständigkeit gegenüber Reinigungsmitteln in der Nahrungsmittelverpackung. Soft Skills wie Support oder Sonderentwicklungen runden das Bild des Feldspezialisten mit Lösungskompetenz ab. * Ulla Reutner

Fünf auf den ersten Blick sehr ähnliche Typen. Die Anforderungen erfüllen sie, jedenfalls die wichtigsten, glaubt man den Zeugnissen, die sie als Beleg für ihre Fachkompetenz mitbringen. Genau das, was für den ausgeschriebenen Posten gefragt ist. War auch nicht anders zu erwarten, denn erst einmal mussten die fünf dies in einer Vorauswahlrunde belegen. Die feinen Unterschiede ihrer Qualitäten lassen sich nicht einfach erkennen, so richtig wahrscheinlich erst, wenn der eine, erfolgreiche Bewerber seinen Job macht. Wer da die Wahl zu treffen hat, der zieht gerne die viel beschworenen Soft Skills zurate. Wie steht es um die Kommunikationsfähigkeit? Haben wir einen Team Player vor uns? Denkt er in Netzwerken? Ist er kritik- und lernfähig? Wir machen uns ein Bild und am Schluss geben vielleicht sogar eher die Soft Skills den Ausschlag.

Bei der Entscheidung für ein technisches Gerät kann es ganz ähnlich laufen. Die „Soft Skills“ heißen dann vielleicht Diagnosefähigkeit oder Bedienbarkeit. So etwa beim Diagnostic-Power-Conditioner-System (DPC), das Turck vor etwa einem halben Jahr auf den Markt gebracht hat. „Wir verkaufen dieses neue Produkt in erster Linie über das Thema Diagnose. Das ist der augenscheinlichste USP zu Wettbewerbsprodukten“, berichtet Frank Rohn, im Turck-Unternehmensbereich Prozessautomation weltweit für Vertrieb und Produktmanagement verantwortlich. Er ist darüber ein wenig erstaunt: „Gerne würden wir auch auf Hardware-Aspekte eingehen, denn da gibt es durchaus kritische Themen, etwa was Schirmung, Erdung und galvanische Trennung angeht.“ So sorgt die allseitige galvanische Trennung beim DPC-System dafür, Feldbussegmente rückkopplungsfrei zu speisen. Die weiteren Hardfacts: Es eignet sich für HSE-Foundation-Fieldbus-Netze, speist bis zu 16 Segmente redundant mit jeweils maximal 800mA Ausgangsstrom und 30 VDC Ausgangsspannung. Auch Long-Distance-Segmente bis zu 1.900 m lassen sich damit realisieren. Wenig Erklärungsbedarf jedenfalls gibt es im Hinblick auf die Inbetriebnahme und Bedienung. Denn Turck vermeidet proprietäre Lösungen und setzt konsequent auf die FDT/DTM-Technologie, über die die komplexe Feldbusdiagnose in FDT-Asset-Management-Systemen abgewickelt werden kann. In den ersten Projekten, in denen dieses Produkt eingesetzt wird, zeichnete sich bereits ab, dass der Support-Bedarf geringer als erwartet sein würde. „Doch ich dränge bei unseren Vertriebsleuten darauf“, so Rohn, „mit den Kunden dennoch intensiv über die Applikation, über mögliche, problembehaftete Punkte wie etwa Potentialverschleppungen zu diskutieren.“ Der Asset-Management-Hype mache eben nicht die sorgfältige Projektierung der Hardware überflüssig. Um im Bild zu bleiben: Dass der schließlich ausgewählte Typ erst dann, wenn er den Job übernimmt, seine Schwächen erkennen lässt, sollten Chemieanlagenprojektierer dann doch besser nicht riskieren. Der beim DPC-System geringe Beratungsbedarf scheint im Übrigen eher die Ausnahme zu sein. Pre- und After-Sales-Support ist in den vergangenen Jahren wichtiger geworden, „in dem Maße, in dem Projektverantwortliche bei unseren Kunden immer mehr Projekte abwickeln müssen“, vermutet Rohn. Wo auf der einen Seite Planungs-Know-how verloren geht oder die Manpower nicht mehr vorhanden ist, baut Turck außergewöhnliches Know-how auf, das weit über das eigene Produktportfolio hinausgeht. „In unserem Testlabor laufen inzwischen fast alle am Markt verfügbaren Leitsysteme in ihrer neusten Version“, berichtet der PA-Bereichsleiter. Darauf ausgebildete Turck-Ingenieure können damit genauso gut umgehen wie Systemanbieter. „Wir wollen unsere Kunden bei der Integration unserer Produkte nicht auf den Leitsystemanbieter verweisen.“ Dabei wird, wer bei Turck Applikations- oder Produktsupport in Anspruch nimmt, nicht mit einer Dienstleistungspreisliste, einer kostenpflichtigen Hotline oder ähnlichem konfrontiert. Für den Kundenkreis der Prozessautomatisierung entstehen für derartige Leistungen, bis zu gewissen Grenzen jedenfalls, keine Kosten. Das darüber wachsende Vertrauen und verbesserte Kundenbeziehungen sind es wert, meint Rohn, der den Ansatz der ZVEI-Initiative, derartige Dienstleistungen zu berechnen, dennoch begrüßt. „Sollte der Preisdruck irgendwann einmal absurde Formen annehmen, müssten wir diese Strategie überdenken.“ Doch bislang sei es durchaus so, dass den Kunden in der Regel der Wert dieser Supportleistungen durchaus bewusst sei. Zuverlässig funktionierende Hardware, verbunden mit modernen Projektierungs- und Diagnosetools, bleibt bei all diesen „Soft Skills“ dennoch die Basis für Wachstum und Markterfolg. Das gilt nicht nur für den Feldbussektor, sondern auch für Turcks Point-to-Point-Interfacetechnik, für die Remote I/O-Systeme und den Bereich Sensorik. „Unsere Ventilrückmeldesensoren haben sich zum Beispiel in den vergangenen drei Jahren in der Branche etabliert“, freut sich Rohn. Der nächste Schritt – zusammen mit Ventilbauern und Herstellern von Rückmeldeboxen – geht nun auch hier in Richtung Asset Management, orientiert an der neuen Namur-Empfehlung NE 91 (lesen Sie dazu auch das Interview ab Seite 22). Künftig sollen ein preiswert realisierbarer analoger Messwert und eine daraus abgeleitete Trendanzeige Rückschlüsse auf den Wartungsbedarf des Ventils erlauben. „Um dies voranzutreiben, haben wir eine eigene Salesforce aufgestellt“, bekräftigt Rohn.

Auch bei der Entwicklung der Interfacetechnik legt sich Turck weiter ins Zeug. Der Markt für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen sei noch extrem groß, so der Manager. Selbstüberwachung, Drifterkennung, Diagnose – das sei auch hier gefordert. Die Datenverdichtung schließlich müsse gewährleisten, dass auch ein Anlagenfahrer unproblematisch auf für ihn wesentliche Informationen zugreifen kann, die bislang nur über Feldbus oder Remote I/O verfügbar seien.

Ausgereifte Hardware mit Asset-Management-Funktionalität

Derartige Entwicklungen würden häufig zunächst für und mit Kunden realisiert und erst später in die Standardpalette integriert. Das Keyfeature des Produkts müsse aber bei aller Individualität erhalten bleiben, so etwa bei der Gerätefamilie Interfacemodul Cartridge, die die Ex-Trennebene aus dem Schaltschrank direkt in die Anlage verlagert. „Diese einfachen Abfragegeräte in Schutzart IP67 für Asset-Management zu befähigen, dafür müssen wir im nächsten Schritt eine Lösung finden.“ Rohn denkt dabei an Wireless in Verbindung mit Turcks RFID-Technik. „Wir werden mit Sicherheit eine Lösung finden. Vorher sind wir nicht zufrieden.“

Das beweist der Hersteller auch bei seinem I/O-Programm. Bei der Zone-1-Version Excom bedeutet das unter anderem eine Adaption der Asset-Management-Funktionalitäten an die neue Namur-Empfehlung. Ethernet und Wireless bestimmen weitere Entwicklungsaktivitäten. Neue Wege in der Prozessautomation geht Turck mit dem Nicht-Ex-System BL20, das der Hersteller schon seit Jahren sehr erfolgreich für die Fabrikautomation anbietet. Nun wurde das modulare I/O-Busklemmensystem für den Prozessautomatisierungseinsatz in Zone 2 fit gemacht. „BL20 ist insbesondere für Lifescience-Anwendungen von Interesse“, erläutert Rohn. „Daher haben wir in einem Kraftakt zahlreiche, für die Biotech- und Pharmaindustrie relevante Zulassungen erwirkt.“ BL20 kann man, wie auch Excom, mittels DTM parametrieren. Die Elektronikmodule lassen sich ohne Abklemmen der Feldverdrahtung austauschen, bis zu zwei gleichzeitig sogar, bei laufendem System. Die einfache Programmierung und die Vielfalt an Gateways für unterschiedlichste Feldbusse von ProfibusDP bis Modbus TCP machen BL20 zur interessanten Lösung überall dort, wo das Excom-System zu mächtig war. Und sein im Vergleich zu klassischen Fabrikautomationsherstellern konsequenter modulares Gehäusekonzept macht es für die Prozessautomatisierung besonders interessant. Rohn: „Wir reagieren damit auch auf die Anfragen einiger Leitsystemhersteller, die das BL20-System für eine gute Ergänzung in Zone2 halten.“ Auf der SPS/IPC/Drives in Nürnberg wird das prozesstaugliche I/O-System erstmals von Anwendern aus der Prozessindustrie unter die Lupe genommen, von solchen aus Süddeutschland jedenfalls, für die die Messe als Automations-Technologie-Show ergänzend zu Hannovermesse und Achema wichtig wird. „Auch den Power Conditioner werden unsere PA-Besucher dort finden und zudem ein äußerst simples FF-Display, das als einfache Vor-Ort-Anzeige in der Anlage Messwerte von Feldgeräten anzeigt, die nicht oder nur schwer zugänglich sind.“

Food-Verpackung neu im Fokus

Auch für einen ganz jungen Bereich bei Turck bieten sich auf der SPS/IPC/Drives (Halle 7, Stand 351) erste Kontaktmöglichkeiten. Nach Automobil- und Prozessindustrie ist der Sektor Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie seit Mai drittes vertriebliches Standbein von Turck. Der verantwortliche Branchenmanager Dr. Bernhard Grimm ist gefordert, Anstöße für weitere Produktentwicklungen im Hinblick auf die Erfordernisse dieses Anwendungsfelds zu geben. „Schon heute hat Turck in seinem Programm etliche Produkte, die sich etwa in Abfüllanlagen oder Verpackungsmaschinen gewinnbringend einsetzen lassen“, betont Grimm.

Viele Geräte entsprechen bereits den dort häufig geforderten Schutzarten IP68 oder IP69K, etwa die induktiven Wash-Down-Sensoren Uprox+. Auch die FDA-konforme Materialauswahl – beispielsweise PP für den Food-and-Beverage-Steckverbinder F&B plus – hat Turck für viele Produkte bereits umgesetzt. Der CIP-fähige Füllstandsmesser Levelprox oder hygienegerechte magnetostriktive Sensoren sind weitere Beispiele aus dem Produktprogramm für den Nahrungsmittelsektor. Und neben Sensor- und Anschlusstechnik gibt es auch im Sektor Feldbustechnik bereits einige geeignete Systeme. Das BL20-I/O-System etwa. Grimm ergänzt: „Und mit Piconet haben wir ein kompaktes IP67-I/O-System im Programm, das einfach zu installieren ist und sich dank seiner kleinen Abmessungen sehr gut in Verpackungsanlagen integrieren lässt.“ Wertvolle Hardfacts, das steht außer Frage. Doch Grimm will mehr. Gefragt sei, neben der Lieferung von Sensor-, Anschluss-, Interface- und Feldbustechnik aus einer Hand, eine Lösungskompetenz, die es erlaube, gemeinsam mit dem Kunden spezielle Problemstellungen aufzugreifen. „Wir werden in vielen Fällen mit dem Verpackungsmaschinenhersteller zusammen kundenindividuelle Entwicklungen anstoßen, wenn das bestehende Produktprogramm inklusive der jetzt anstehenden Erfordernisse die Anforderungen noch nicht erfüllt.“ Im Bereich Prozessindustrie hat Turck diese Strategie bereits erprobt: Viele dieser individuellen „karierten Maiglöckchen“ sind heute gut etablierte Standardprodukte. Solche, bei denen Hardfacts und Soft Skills zusammen den für den jeweiligen Job perfekten Typen ausmachen.

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